Doping in der NFL – Doping im Fußball – keine Unterschiede?!

Der rasante Aufstieg des American Football in Deutschland produziert nicht nur positive Schlagzeilen. Die Beliebtheit dieser Sportart, die neben allen sportlichen Aspekten auch einen bestimmten Life Style mit sich bringt, wird immer größer in Deutschland. Sportvereine mit einer American Football-Abteilung freuen sich über großen Zuwachs, Spiele aus der NFL werden live übertragen und zahlreiche Internetportale und Podcasts behandeln Themen aus der NFL.

Dieses gesteigerte Interesse ruft natürlich auch immer viele Kritiker_innen auf den Plan. Besonders in den heimischen Medien wird der größtenteils unbekannten Sportart aus den Vereinigten Staaten mehr Beachtung geschenkt. Doch meistens wird der Sport auf schlagzeilenkräftige Aussagen reduziert: Viele Werbeunterbrechungen, überzogener Kapitalismus der Eigentümer, exorbitante Gehälter, Straftaten der Spieler und auch immer häufiger der Gebrauch von Dopingmitteln. Letzterer soll hier einmal näher betrachtet werden.

Was ist dran an den Vorwürfen, dass American Football in den deutschen Medien häufig als unsaubere Sportart dargestellt wird? Wie entstehen Schlagzeilen, die vermuten lassen, dass der Sport ohne illegale Hilfsmittel nicht ausführbar sei, was zum Beispiel durch Schlagzeilen wie „Jedes Spiel eine Spritze“[1] suggeriert wird.

Nun soll hier nicht die NFL oder der American Football in Schutz genommen oder Doping verharmlost werden. Mir ist wichtig, aufzuzeigen, dass  American Football kein besonders herausragendes Dopingsystem im Gegensatz zu anderen Sportarten, die zum Beispiel auch in Deutschland sehr beliebt sind, darstellt. Wichtig ist, Kritiker_innen entgegnen zu können, dass es Doping im Profisport immer gab und geben wird, dass aber American Football keine Sonderstellung einnimmt. Noch einfacher ausgedrückt: Wenn mir die Frage gestellt wird, welche Sportart ich mag und verfolge und meine Antwort dann American Football ist, ist die Reaktion meist: „Oh je! Das sind doch alles vollgepumpte Anabolika-Maschinen, die längst Körper und Geist für Geld eingetauscht haben. Wie kannst du so etwas gut finden?“ Diese Einschätzung überrascht mich und ich möchte hier ein genaueres Licht darauf werfen, wieviel Wahrheitsgehalt in ihr steckt.

Ich habe schon sehr häufig darüber nachgedacht, warum ich aus einem Bauchgefühl heraus den American Football nicht so sehr im Dopingsumpf versunken sehe wie andere Sportarten. Ich habe deshalb das Thema Doping näher zu untersucht und bin zu dem Schluss gekommen, dass der American Football zwar ein Dopingproblem hat, der Sport aber damit nicht allein dasteht. Setzt man sich mit den Mängeln der Dopingbekämpfung auseinander, wird deutlich, dass es in anderen Sportarten die gleichen Probleme gibt: Als zweites Beispiel für den Einsatz von Doping im Sport wird in diesem Artikel der Fußball herangezogen.

American Football ist eine der körperlich belastenden Sportarten im Profibereich. Die durchschnittliche Spieldauer eines Spielers in der Liga beträgt nur 3,3 Jahre. Das zu erwartende Gehalt ist ebenfalls nicht sehr hoch und stellt nur in seltenen Fällen eine Art Rente dar.

Hier sind zwei Grafiken, die das veranschaulichen:

ALL-MAJOR-LEAGUES-HIGHEST-PAID
Design: Bailey Brautigan, Forbes Staff
Unbenannt
https://www.spotrac.com/ 2017

Nun folgt Doping einem ungeschriebenen Gesetz: Je mehr Geld verdient werden kann (Gehälter und Sponsoring), desto größer ist die Konkurrenz und demnach die Versuchung, durch Doping einen Vorteil zu erlangen. Eines der prominentesten Beispiele ist die Dopinghistorie des Radsports in den 90er Jahren. Die Tour de France brachte den Sportlern und beteiligten Firmen mehr Umsatz durch Sponsoring als der Fußball zu der Zeit.

Mängel

Ja, im American Football und natürlich im gesamten amerikanischen Sportgeschäft gibt es Doping. Das Thema Doping auch mit dem American Football in Verbindung zu bringen ist unerlässlich, um dem Thema gerecht zu werden. Allein der ansteigende Missbrauch von Wachstumshormonen stellt ein großes Problem dar. Das jüngste und prominenteste Beispiel ist der Fall von Payton Manning. Aber auch andere Spieler versuchen­, meist in der offseason, durch Wachstumshormone und Steroide schneller auf ein gewisses Leistungsniveau zu gelangen. Die NFL testet erst seit der Saison 2014 auf Wachstumshormone und verzichtet hier auf den biologischen Pass. Der biologische Pass ist eine Art Ausweis, auf welchem die körpereigenen Werte von beispielsweise Testosteron eingetragen werden. Dies wird meist zu Beginn einer Profilaufbahn gemessen und vermerkt. Bei späteren Dopingtests können die ermittelten Werte dann immer mit den natürlichen Werten verglichen werden. Auf einen solchen biologischen Pass zu verzichten ist aus zwei Gründen nicht zu verstehen: Seit dem BALCO Skandal im Jahre 2003, wusste man von Dopingvergehen, auch in der NFL. Außerdem sind Hilfsmittel wie der biologische Pass der momentan beste Weg zur Überprüfung von Dopingverstößen. In der abgelaufenen Saison gab es in der NFL 55 überführte Spieler. Die Zahl der überführten Spieler steigt von Jahr zu Jahr an. Im Jahr 2013 wurden 38 Spieler posititv getestet, 2014 waren es 45 Spieler und 2015 wurden 56 Spieler überführt. Das Problem ist vorhanden und muss effektiv bekämpft werden. Leider behält sich die NFL vor, eigenständig gegen Doping vorzugehen. Die nationale Dopingagentur ist hier nicht involviert. Das lässt viel Raum für Spekulationen.

usada[2]

Gegenargumente

Wenn wir hier die oben genannten Zahlen direkt aufgreifen, fällt ein Umstand besonders auf: Die geringe Zahl an überführten Spielern. Gehen wir hier einmal nur von den 53 festen Spielern im Kader aus, so ergibt sich bei 32 Mannschaften eine Gesamtzahl von 1696 Spielern. 55 überführte Spieler entsprechen einem Prozentsatz von 3,23 Prozent. Ein erstaunlich geringer Prozentsatz. Seit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen aus dem deutschen Profifußball wissen wir, dass 14 bis 29 Prozent der Befragten Profifußballer bereits mit Doping in Kontakt gekommen sind. Auch wenn in dieser Studie nur eine geringe Zahl an Spielern befragt wurde, so wird sie von Expert_innen als sehr aussagekräftig angesehen. Der Grund dafür ist, dass der Studie als Basis dienende „Forced Response Modell“. Dieses Modell verschlüsselt die Antworten und gewährt so absolute Anonymität. Dies ist sehr wichtig, da im deutschen aber natürlich auch im europäischen Fußball das Thema Doping nicht öffentlich diskutiert wird. Laut DFB hat es bisher keinen positiven Dopingbefund gegeben. In der Studie, die vom ehemaligen Profispieler Lotfi El Bousidi im Rahmen seiner Diplomarbeit geführt wurde, wird zudem ersichtlich, dass die schlechten und nur punktuellen Dopingkontrollen eine Einladung zum Doping bieten.

 

Profifußballer können in einem sehr durchlässigen Dopingkontrollnetz agieren. Sie müssen sich innerhalb von einer Woche bei den zuständigen Kontrolleuren der NADA melden. Es gibt kaum Berichte über Kontrollen während der Trainingslager (besonders in Ländern wie Dubai und Qatar).
In der NFL schreibt die NFLPA eine Meldepflicht der einzelnen Spieler innerhalb von 48 Stunden vor. Diese gilt auch bei Reisen ins Ausland und bedeutet, dass Spieler in der NFL auf internationalen Reisen alle Daten ihrer Reise und jeden Ort, an dem sie sind mit Straßenadresse und Telefonnummer mitteilen und nachweisen können müssen. Spieler müssen jederzeit erreichbar sein. Alle Reisedokumente müssen als Kopie vorhanden sein und ausgehändigt werden:

„If you are traveling internationally you MUST provide the dates of your travel to each location as
well as a street address and telephone number where you can be reached at all times. You also MUST keep copies of travel documentation for four months after your trip. Travel documents include boarding passes, hotel and meal receipts and/or other forms of proof that you traveled.“[3]

 

Im deutschen Fußball wird Doping erst seit kurzer Zeit in den Fokus gerückt: Bei Spielen der deutschen Fußballmannschaften wird erst seit zwei Spielzeiten auch das Blut getestet. Das ist allerdings nicht verpflichtend und es kann sich auch nur für einen Urintest entschieden werden. Das führt dazu, dass nur in 20 Prozent aller Dopingkontrollen auch Blut entnommen und getestet wird. Diese Ungenauigkeit ist eine der größten Schwachstellen im Kampf gegen Doping im deutschen Fußball, da die Möglichkeit der Verschleierung deutlich leichter ist, wenn nur Urin getestet wird.
Die NFLPA hingegen weitet die eigenen Dopingkontrollen inzwischen mehr und mehr sogar auf die Trainingsphasen aus. Die Vergangenheit zeigt, dass hier der Einsatz von Dopingmitteln am schwerwiegendsten ist. Die NFL verbietet Bluttests an Spieltagen und die Ausweitung auf Tests in der offseason ermöglicht somit reibungslosere Kontrollen.

Der Umgang mit Dopingmitteln und Verstößen gegen die Dopingrichtlinien lässt besonders im Fußballgeschäft viele Fragen offen: Warum stehen viele Substanzen, die besonders im Fußball ihre Anwendung finden, nicht auf der Liste der Dopingmittel? Das aus hochfiltriertem Kälberblut gewonnene Medikament Actovegin legt in meinen Augen diese Lücke offen:

Ein klarer Vorteil durch den Gebrauch dieses Mittels wird nicht anerkannt, da das Mittel einen zu großen Stellenwert im täglichen Profigeschäft hat. In der NFL stellen die Mitteln ein großes Problem dar, die gemeinhin nicht als klassische Dopingmittel angesehen werden. Hierzu zählen u.a. Kokain, Opiate und PCP. Die gesteigerte Selbstwahrnehmung und das Ausblenden von Verletzungen ist eine große Gefahr für das Spiel.
Verstöße gegen die Dopingauflagen werden in der NFL erst seit einigen Jahren wirklich bestraft. Mehrfache Verstöße bzw. positive Befunde können das Aus eines Sportlers bedeuten. Die bereits angesprochene BALCO-Affäre beweist zumindest eine zufriedenstellende Aufklärung eines Dopingnetzwerkes. Doch wie steht es um die Aufklärung von Dopingpraktiken in Deutschland?
Die zahlreichen Affären um die Freiburger Sportmedizin sind bis heute nicht aufgeklärt. Nicht nur die Mannschaften aus Stuttgart und Freiburg ließen sich dort „versorgen“, sondern auch Spieler aus München, Köln und Mönchengladbach. Einen schönen Überblick über dieses Thema gibt diese Seite von correctiv.org
Erstaunlich ist bei diesem Fall, dass die damalige politische Führung Doping legitimiert hat und heute die Aufklärung verbietet. Auch jüngere Beispiele belegen, dass der Fußball ebenso Dopingprobleme hat wie andere Sportarten. Die Affären um Eufemiano Fuentes in Spanien, Michele Ferrari in Italien und Mark Bonar in England zeigen, dass hier Top-Mannschaften kollektiv mit Dopingmitteln versorgt worden sind. Auch in diesen beiden Fällen wird die Aufklärung verschleppt und behindert.

Fazit

Es bedarf keiner großen Rechercheleistung um die Dopingproblematik in der NFL offenzulegen. Der Missbrauch von Medikamenten, die geringen Kontrollen während der Saison und die Tatsache, dass keine unabhängige Institution, wie bspw. die USADA, involviert ist, werfen kein gutes Licht auf die Liga und die Bestrebungen im Kampf gegen Doping. Doch es gibt auch positive Signale: Vermehrte Kontrollen, strengere Meldepflichten, ständige Überprüfung der verbotenen Substanzen und mehr überführte Dopingsünder.
Der hier besprochene counterpart, der deutsche (und auch europäische) Fußball werden in den Medien deutlich positiver dargestellt. Daraus entsteht eine Überzeugung unter den Fans und Anhänger_innen der Sportart, dass der Sport sauber sei und Doping keinen Sinn machen würde. Die nur wenigen Beispiele hier zeigen jedoch, dass dem nicht so ist. Der Fußball hat ähnliche Probleme. Das größte Problem bleibt jedoch die Negierung eines Problems.

Ich habe über die Jahre viel gelernt über die NFL und den American Football und kann heute, dank kleinster Recherchen sagen, dass der American Football ebenso sauber oder auch unsauber wie der Fußball ist. In Diskussionen habe ich so die Argumente auf meiner Seite.

[1] http://www.stern.de/sport/sportwelt/doping-im-us-sport-jedes-spiel-eine-spritze-3904348.html  2013

[2] http://www.usada.org/resources/faq/#responsibility 11.05.2017

[3] https://www.nflpa.com/active-players/drug-policies 11.05.2017

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